Heute ist mein Homeoffice-Tag. Ein Tag, auf den ich mich gefreut habe. Meine To-do-Liste steht, die Prioritäten sind klar, und ich wollte endlich mal in Ruhe die Verwaltungsarbeit erledigen, die als Soloselbstständige immer irgendwie liegen bleibt.
Aber halt.
Ich bin zu Hause. Und zu Hause guckt mich die Hausarbeit an. Die Waschmaschine wartet. Der Garten. Der Geschirrspüler. Und immer wieder stehe ich zwischendurch auf und erledige mal eben dies, mal eben das. Weil es ja gemacht werden muss. Weil ich ja da bin.
Mein Mann sitzt eine Etage tiefer, ebenfalls im Homeoffice. Und ihm fällt es nicht ein, zwischendurch die Waschmaschine anzustellen. Langsam steigt in mir etwas hoch. Diese leise, aber deutliche Stimme: Warum muss das immer alles ich machen?
Der Witz an der Sache? Ich rege mich völlig umsonst auf.
Denn er macht. Er packt an. Nur eben dann, wenn seine Arbeitszeit vorbei ist. Er ist Angestellter, hält feste Zeiten ein, so als würde er ins Büro gehen.
Und das Entscheidende: er erwartet nicht im Geringsten, dass ich nebenbei den Haushalt manage. Diese Erwartung hat nur eine Person: ich selbst.
Wir haben eine Partnerschaft, die gut funktioniert. Wir verstehen uns oft ohne Worte, packen an wo es nötig ist, stimmen uns kurz ab. Es ist alles gut.
Und trotzdem gerate ich immer wieder in diese Anforderungssituation, die es gar nicht gibt. Ich lebe in einem anderen Film als mein Mann. Einem Film, den nur ich sehe. Und in dem nur ich die Hauptrolle spiele und die gesamte Verantwortung trage.
Ich behaupte: Genau das passiert uns allen. Täglich.
Woher kommt das?
Ich habe eine andere Kindheit, eine andere Jugend, eine andere Lebensgeschichte hinter mir als mein Mann. Auch anders als meine beste Freundin, meine Nachbarin, anders als der Mensch, der neben mir im Fitnessstudio trainiert.
Das gilt für uns alle. Wirklich für ausnahmslos alle.
Jeder von uns hat aus seinen Erlebnissen eigene Schlüsse gezogen und eigene Strategien entwickelt und eigene Verhaltensmuster etabliert.
Daraus sind eigene Überzeugungen darüber, wie die Welt funktioniert und was von uns erwartet wird, entstanden.
Es hat uns geholfen, unseren Alltag zu bewältigen und schwierige Zeiten zu überstehen.
Das meiste davon ist durchaus sinnvoll und im Großen und Ganzen unterscheiden wir uns auch nicht so sehr voneinander. Wir haben einen Konsens gefunden um miteinander leben und umgehen zu können, als Gesellschaft.
Schwierig wird es dann, wenn zwei Menschen mit ihren unterschiedlichen Filmen plötzlich einen gemeinsamen drehen wollen. In einer Ehe, einer Freundschaft, einem Team, einem Verein. Denn dann passiert etwas fast automatisch: Man nimmt an, dass der andere ähnlich tickt wie man selbst. Dass er schon weiß, was man meint. Was man erwartet. Was man fühlt.
Und andersherum glaubt man zu wissen, was der andere denkt – ohne nachzufragen.
Aus diesem stillen Missverständnis können Konflikte entstehen, die eigentlich keiner wollte. Streit, Rückzug, manchmal jahrelange Eiszeiten. Völlig unnötig. Und doch so menschlich.
Aber leider kein Einzelfall:
Eine Bekannte ist vor Kurzem aus ihrer WG ausgezogen. Sie war im letzten Jahr mit ihrer besten Freundin zusammengezogen. Beide hatten sich lange darauf gefreut und es mit viel Liebe und Herzblut vorbereitet.
Dann, kurz vor Weihnachten, merkte sie, dass irgendwas nicht stimmt. Die Freundin verließ das Zimmer, wenn sie hereinkam. Keine gemeinsamen Abende mehr, kaum noch mehr als das Nötigste wurde gesprochen. Auf Nachfrage, was los sei, gab es nur ausweichende Antworten.
Schließlich sagte meine Bekannte: Weißt du was, ich ziehe aus. Und in dem Moment, als sie es aussprach, sah sie die Erleichterung im Gesicht der Freundin. Die hatte genau das gewollt. Nur gesagt hatte sie es nie.
Hinterher kam noch heraus: Die Freundin hatte längst mit ihren Eltern besprochen, was mit dem Zimmer passieren könnte, wenn die andere weg ist.
Was bleibt ist ein großes Fragezeichen und eine zerbrochene Freundschaft.
Es wird einen guten Grund geben, warum die Freundin nicht sprechen konnte. Aber einen, den leider nur sie kennt. In ihrer Welt – in ihrem Film – war ein Weiterbestehen der WG nicht möglich.
Zurück bleibt ein großes Fragezeichen und großer Kummer auf beiden Seiten – davon bin ich überzeugt.
Meine Erfahrung sagt, dass das nicht nötig gewesen wäre. Aber meine Erfahrung sagt auch, dass man niemanden zwingen kann zu sprechen, den anderen mit ins Kino zu nehmen und seinen Film anzuschauen.
Und was nun?
Wir können niemanden zwingen, uns seinen Film zu zeigen.
Wir können bei uns selbst anfangen und fragen: Was passiert gerade in meinem Film? Was denke und fühle ich? Was erwarte ich – von mir selbst und vom anderen? Und was glaube ich zu wissen, ohne nachgefragt zu haben?
Bei sich selbst anzufangen und Verantwortung zu übernehmen ist der erste Schritt. Danach wird es leichter.
Ich begleite Menschen dabei, hinzuschauen und sich selbst besser kennenzulernen. In meiner Praxis in Kappeln oder online. Häufig weiß man schon ganz tief drinnen, worum es geht, weil es immer wieder passiert und sich dieselben Filmsequenzen wiederholen.

